Im Januar war ich erkältet und mehrere Tage komplett heiser. Natürlich genau in der heißen Konzertphase. Diese und weitere Konzerte musste ich absagen. Doch auch als die Erkältung abgeklungen war, wurde ich nach kürzester Zeit wieder heiser, wenn ich redete oder sang. Ende Februar war es immer noch nicht viel besser und eine Freundin legte mir nahe, zum Arzt zu gehen. Gesagt, getan.
Ich befürchtete schon, dass der Arzt mir sagen würde, dass ich eine Kehlkopfentzündung hatte. Doch das war es nicht.
Nachdem ich drei Mal "hi" sagen musste, während der HNO-Arzt mir in den Mund schaute, stellte er seine Diagnose: Hyperfunktionelle Dysphonie. Die Stimmbänder schließen nicht richtig und deswegen tritt Heiserkeit ein bei Stimmbelastung. Ich hatte betont, dass ich Lehrerin und Sängerin bin, und wie wichtig die Stimme bei beidem ist. Ob das was mit der Heiserkeit im Januar zu tun hätte und was man da machen könnte, frug ich. "Da kann man nichts machen. Bei jedem fängt es halt mal an." Und darf ich singen? "Lieber nicht." Danke für das Gespräch.
Wer mich kennt, weiß, wie wichtig mir das Singen ist. Eine Freundin bezeichnete es letztens als mein "Ventil", was ich sehr treffend finde. Es gibt kaum etwas Wichtigeres in meinem Leben als die Musik.
Meine Welt zerstört, fuhr ich nach Hause. Am Abend lag ich in des Mannes Armen, weinte bitterlich und sprach, dass ich nicht mehr leben wolle, wenn ich nicht mehr singen könne. Besorgt tröstete mich der Mann und versprach, dass alles gut werden würde.
Als ich mich beruhigt hatte, fragte ich einige Bekannte nach Phonologen und Logopäden. Ich wollte mir eine zweite Meinung einholen und das Urteil nicht einfach hinnehmen. Alle machten mir Mut. Ich war dankbar und hatte doch so Angst.
Es dauerte eine Weile, bis Ende April, bis ich mich traute, zu einem weiteren HNO-Arzt zu gehen - der Arzt meiner Gesangslehrerin. Dort fühlte ich mich ernst genommen und versorgt. Das Ergebnis war jedoch ernüchternd. Funktionelle Störung der Stimmbänder: sie schließen nicht richtig. Doch anders als der erste Arzt machte er mir Mut und zeigte sich zuversichtlich, dass das Problem mit Logopädie in den Griff zu bekommen sei und ich bald wieder singen könne.
Nun brauchte ich nur noch eine Überweisung zum Logopäden, da der nette Arzt mir leider keine geben konnte. Diese Odyssee auch geschafft, rief ich bei der Logopäden-Praxis meiner Wahl an, die mich auf die Warteliste setzte. "Wir melden uns auf jeden Fall bei Ihnen!" 5 Minuten später rief es noch einmal an: man hatte vergessen, meinen Namen zu notieren. Sie hatten sich also tatsächlich noch einmal gemeldet... dachte ich mir schmunzelnd.
Einen Monat lang hörte ich nichts mehr von ihnen. So langsam brannte es. Anstehende Auftritte, die ich so gerne mitmachen wollte. Nach einem Schubser seitens meiner besten Freundin, rief ich noch einmal in der Praxis an und frug nach. "Kommen Sie doch am Montag vorbei!" Da wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte; ein bisschen verappelt fühlte ich mich, dass es plötzlich so schnell ging. Doch letztlich fiel mir ein Stein vom Herzen.
Letzte Woche war dieser Montag. Als ich vom ersten Arzt erzählte, schüttelte sie nur den Kopf. "Die meisten Menschen haben keinen Stimmschluss. Vor allem bei dieser Untersuchung, weil sie unangenehm ist und man sich dabei gar nicht entspannen kann." Nach einer umfassenden Anamnese machten wir ein paar Übungen. "Halb so wild! Das kriegen wir hin!" Darf ich wieder singen?" Ja, entspanntes Singen ist gar kein Problem!" Darf ich die anstehenden Auftritte wahrnehmen? "Wenn Sie das gerne wollen, dann machen Sie das."
Am Dienstag sprühte ich plötzlich (?) so vor Energie wie seit Monaten nicht und hatte ein solches Bedürfnis, die ganze Wohnung gründlich zu putzen, wozu ich seit Wochen keine Kraft mehr hatte. Generell ging es mir die letzten Monate seit der Diagnose sehr schlecht, auch wenn ich mir dessen nicht immer bewusst war.
Ich durfte nun zwar offiziell, aber ich traute mich die ganze Woche nicht, zu singen. Am Freitag hatte ich jedoch eine Probe. Ich hatte seit Januar nicht gesungen und ich wollte nicht unvorbereitet erscheinen. Am Donnerstag, nach meinem Bauchtanz-Kurs, hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt unbedingt singen muss. (Es ist erstaunlich, wie viel das Tanzen für das Singen bringt. Und gleichzeitig so naheliegend. Danach spüre ich meinen Körper, wie ich ihn sonst nicht spüre. Und unser Körper ist nun einmal der Corpus für das Instrument Stimme.) Und so sang ich. Und sang. Und sang.
Auch am Freitag bei der Probe. Ich bin zwar mächtig aus der Übung, doch ich werde nicht mehr heiser. Ich habe meine Stimme wieder gefunden.
Heute hatte ich die zweite Sitzung Logopädie. Wir machten Übungen, wir sangen, wir unterhielten uns. Fast ausschließlich Lob. Aber was war und ist denn dann los? Beim Singen ist alles in Ordnung, spricht sie. Aber beim Reden. Ich klinge leise und unsicher. Ich halte die Stimme zurück. Beim Singen ist sie stark. Ich habe mir wohl in den letzten Monaten eine "Schon"stimme angewöhnt, weil ich wusste, dass etwas nicht stimmt, die allerdings alles andere als schonend war. Aber so ganz neu klang das Problem nicht. Habe ich mich früher nicht auch beim Sprechen oft zurückgehalten und klein gemacht? Nicht nur beim Sprechen...
Ich mache meine Übungen und sehe die Logopädie als Chance. Eine Chance, nicht nur im Bezug auf die Sprache. Meine Stimme ist das Abbild meiner Seele. Sie muss sich nicht klein machen. Sie darf frei sein. Sie darf stark sein. Und sie ist gut so - genau so wie sie ist.
Die Diagnose ist ganz schön heftig, oder? Ich existiere auch nur, weil ich singe. Kann da also voll mitfühlen.
AntwortenLöschenGottseidank geht es da wieder aufwärts.
Ich wünsche mir schon bestimmt seit 4 Jahren Logopädie, denn irgendwie wurde ich schon sehr oft nicht verstanden, weil ich zu leise geredet hab und nicht deutlich genug rede. Außerdem ist dir ja schon bei meiner Aufnahme im Januar (und nicht nur dir, auch sehr vielen anderen) aufgefallen, daß meine Singstimme sich noch immer klein macht und Roidsear sagte ja auch oft, meine Stimme "traut sich noch nicht" und da will ich unbedingt drüber hinweg. Denn eigentlich habe ich grundsätzlich endlich mal Lob kassiert.
Ich wünsch dir weiterhin viel Erfolg und hoffe, daß mein Weg mich auch mit einer Logopädin kreuzt.
Liebe Elisa,
AntwortenLöschenich wünsche dir nicht, dass Logopädie jemals wirklich zwingend nötig sein wird. Aber wenn du es für sinnvoll erachtest, vielleicht nimmst du die Sache dann selbst in die Hand. Jeder ist seines Glückes Schmied; meistens kommt das Gute im Leben nicht einfach vorbei. Geh doch einfach mal zum HNO-Arzt und schildere ihm das Problem. Vielleicht musst du auch zu zwei oder drei Ärzten, bis du die richtige Therapie erhältst, so wie ich es musste, aber manchmal muss man für sein Glück kämpfen. Und in den meisten Fällen lohnt es sich.
Lila Grüße,
Deine Tina